Warum wir an der Bergstrasse den Zinfandel anbauen..

Diese und ähnliche Pressemeldungen von 2003 ließen uns aufhorchen und alle "Alarmglocken" an der Bergstrasse läuten:

Siebeldingen/Heidelberg / 08.06.2003
Primitivo an der Bergstrasse - Rebforscher entdecken uralte Weinberge (Quelle: Mario Scheuermann)
Zwei Forschern des Instituts für Rebenzüchtung Geilweilerhof im pfälzischen Siebeldingen ist ein sensationeller Fund gelungen. An der Bergstrasse und bei Leimen südlich von Heidelberg entdeckten sie vier Weinberge mit Rebbeständen, die ein Alter bis zu 200 Jahre erreichen. Darin befindet sich eine Reihe von Rebsorten, die in Deutschland als so gut wie ausgestorben galten bzw. von deren Existenz man bislang nichts wusste. Darunter auch den genetisch mit dem amerikanischen Zinfandel identischen Primitivo aus Kroatien, der offensichtlich früher auch am Rhein heimisch war!

Insgesamt konnten der Doktorand und Diplom-Biologe Andreas Jung und die auf Ampelographie spezialisierte Wissenschaftliche Oberrätin Dr. Erika Dettweiler-Münch in den vier historischen Weinbergs-Anlagen rund 50 Rebsorten identifizieren darunter auch den weissen Heunisch jene legendäre mittelalterliche Rebsorte, die als Elternteil von 76 heutigen Edelreben gilt wie dem Elbling, dem Chardonnay, dem Lemberger und dem Riesling.

Seit 1996 bemüht sich das Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof in Siebeldingen an der Südlichen Weinstrasse gezielt um die aktuelle Bestandsaufnahme, Identifizierung, Sicherung, Neubeschreibung und Evaluierung der alten Landrebsorten des deutschsprachigen Raums. Mit seiner AG „Genetische Ressourcen der Weinrebe“, dem weltweit zweitgrössten Rebsortiment, einem einzigartigen Rebsortenherbarium und seinem 18.000 Rebsorten und ihre Synonyme umfassenden „Vitis International Variety Catalogue“ verfügt es über eine herausragende wissenschaftliche Kompetenz für die sichere Identifizierung und ‑charakterisierung von Rebsorten.

In dem Bericht der beiden Wissenschaftler heisst es u.a.: "Während Mitte des 19. Jahrhunderts noch mehr als dreihundert verschiedene Rebsorten und hunderte von Klonen in den deutschen Weingärten vorkamen, ist die Zahl wirtschaftlich bedeutender Rebsorten heute auf kaum mehr als ein Dutzend Sorten und wenige zugelassene Ertragsklone zusammengeschrumpft. Überreste der einstigen Rebsortenvielfalt haben als kleine Restpopulationen meist nur in den wissenschaftlichen Rebsortimenten überlebt. Gelegentlich findet man noch einzelne alte Rebstöcke in Privatgärten oder als wurzelechte Hausreben an alten historischen Gebäuden. Die alten, noch diversifizierten Weinberge sind durch Reblauskrise, Flurbereinigung und Rationalisierung nach und nach und nicht zuletzt unter dem Druck des deutschen Weingesetzes durch sortenreine, rationell zu bearbeitende Produktionsanlagen ersetzt worden, in denen eine einzige Sorte monoklonal angebaut wird.

Die vier jetzt untersuchten historischen Weinberge, die zwischen 80 und 200 Jahre alt, weisen noch die typischen Merkmale der alten Weinbautradition auf: wurzelechte Pflanzung, gemischter "Rebsatz" mit verschiedenerlei Rebsorten und Klonen, ungleichaltrige Bestandsstruktur der verschiedenen Rebstöcke, hohe Pflanzdichte mit engen Zeilenabständen sowie eine niedrige, bodennahe Stammerziehung. Auch wenn die Tradition der "Bergsträsser Kammererziehungsart" bis auf wenige Ausnahmen durch die ähnliche, heute allgemein übliche Drahtrahmenerziehung ersetzt wurde, so sind diese alten Weinberge in ihrer Struktur und Zusammensetzung so typisch erhalten geblieben, dass sie als letzte museale Zeugnisse der Weinbaukultur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts bewertet werden können."

Insgesamt handelt es sich um drei 100- bis 200jährige Weinberge an den kleinparzellierten, weitgehend von Flurbereinigung und der Reblaus verschont gebliebenen Hängen der badischen Bergstrasse zwischen Dossenheim und Heidelberg / Handschuhsheim und um einen 80 Jahre alten, nur noch aus drei langen Rebzeilen be­stehenden Weinberg zwischen Leimen und Heidelberg / Rohrbach.

Der älteste und grösste Weinberg mit etwa 850 Rebstöcken in zwölf Rebzeilen wird in der siebten Generation bewirtschaftet. Es handelt sich um eine recht steile, schon von den Römern bebaute Südwestlage. Trotz des dominierenden Rieslings weist der Weinberg immerhin 21 unterscheidbare Rebsorten auf.

Völlig unbekannt ist eine kleinbeerige, durch die uneinheitliche Beerenreife noch sehr an Wildreben erinnernde blaue Rebsorte wie auch das einzige Exemplar einer spätreifenden, rosa-weissfarbenen Sorte aus der Veltliner-Gruppe, die höchstwahrscheinlich mit dem verschollenene weissen Veltliner identisch ist.

In direkter Nachbarlage befindet sich der zweite Weinberg, ein ebenfalls noch weitgehend im Original erhaltenes Rebstück mit etwa 100 meist alten Rebstöcken, die ausschliesslich zur Tafeltraubenproduktion dienten. Die Grossmutter des heutigen Besitzers hat in jungen Jahren die dort produzierten Esstrauben auf den Heidelberger Markt getragen. Spektakulär ist hier der Fund der alten spätreifenden Rebsorte Gelber Orleans, die hier gerade noch mit drei alten Rebstöcken überlebt hat.

Weiter in Richtung Norden, auf die Gemarkung von Dossenheim zugehend, befand sich im unteren Viertel eines sich handtuchförmig den Hang hinauf ziehenden Gartengrundstücks der dritte Weinberg, eingebettet zwischen Streuobstbeständen, Gebüschen und den Nachbargärten. Glücklicherweise konnte dieser Weinberg vor seiner Rodung noch wissenschaftlich bearbeitet werden, so dass das wertvolle genetische Sortenmaterial rechtzeitig vermehrt werden konnte und vorerst am Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof gesichert wurde. Es handelte sich hier um den sortenreichsten der vier Weinberge, der mit seinen rund 500 Rebstöcken in sieben eng stehenden Rebzeilen zur Selbstversorgung mit Esstrauben und Wein diente.

Den Hauptsatz bildeten ertragssichernde alte Rebsorten wie der Blaue Elbling (24 %), der weisse und rote Elbling (10 %), die aus Ungarn stammende Putzscheere (10 %), der grüne Silvaner (8 %) und zwei recht häufige Rotweinsorten mit grossen, blauen Trauben. Während die Identität der einen blaubeerigen Sorte (8 %) noch nicht eindeutig geklärt werden konnte, so handelt es sich bei der zweiten Rotweinsorte um die wohl aus Kroatien stammende Rebsorte Primitivo (6 %). Typisch für diesen Weinberg waren die mehr als zehn noch unbekannten, nur vereinzelt eingestreuten Rebsorten, die die Sammelleidenschaft und Experimentierfreudigkeit der alten Winzergeneration ausdrückten.

An einer ganz in der Nähe gelegenen Feldsteinmauer wurden noch die letzten Exemplare der für Heidelberg wohl bezeichnendsten Rebsorte gefunden. Es handelt sich um vier uralte Stöcke der Seidentraube, eine frühreifende, sehr wohl schmeckende Tafeltraube, die einst in den alten Seidengärten Heidelbergs zusammen mit den Maulbeerbäumen angepflanzt wurde.

Der jüngste, fast schon sensationelle Weinbergsfund umfasst einen nur drei Rebzeilen grossen Rebstreifen mit 233 etwa 80 Jahre alten Rebstöcken, die an den Hängen zwischen Heidelberg und Leimen erhalten geblieben sind. Mit 19 Prozent Grünem Silvaner, 16 Prozent Weissem Elbling und 16 Prozent der aus Ungarn stammenden Putzscheere sind wieder die typischen ertragssichernden Rebsorten vertreten, hinzu gesellen sich allerdings mit einem überraschend hohen Anteil von 14 Prozent der Weisse Honigler (Mézes Fehér), eine grosstraubige, bei Vollreife honigsüsse Rebsorte aus Ungarn, die für das Heidelberger Gebiet bislang nicht belegt war.

Zum ungarischen Dreigespann gehört mit sensationellen neun Prozent auch der Weisse Heunisch, eine durch das ganze Mittelalter überall am Rebsatz beteiligte Rebsorte. Nachdem der Heunisch nur noch in wenigen Sortimenten in kleinsten Stückzahlen überlebt hat, ist dies der erste Neufund seit mehreren Jahrzehnten.

Mit sechs Prozent ist auch hier wieder die rote Rebsorte Primitivo (Zinfandel) vertreten, die offensichtlich den Sprung über den Neckar geschafft hat. Diese international berühmte Rotweinsorte war bislang für Deutschland nicht belegt, muss aber im Gebiet recht häufig gewesen sein. Der noch vor 100 Jahren um Heidelberg flächig in der Ebene angebaute Rote Veltliner hat mit immerhin noch drei Prozent überlebt. Die aus Österreich stammende, wegen ihrer ungleichzeitigen Beerenreife etwas problematische Rebsorte, galt wegen ihrer Ähnlichkeit zum nah verwandten Frühroten Veltliner in den deutschen Rebsortimen­ten bis vor kur­zem als verschollen.

Wenn man die gefundenen  Sorten nach ihrer geographischen Herkunft ordnet, so stellen die aus dem südosteuropäischen Raum stammenden, ertragssichernden Rebsorten Heunisch, Putzscheere, Honigler, Veltliner, Welschriesling, Silvaner, Lemberger, Primitivo und Portugieser einen nicht unbeträchtlichen Anteil dar. Aus Frankreich stammen u.a. Auxerrois, Chardonnay, Ortlieber und die Burgundersorten, aus Norditalien nur der Trollinger, während Traminer, Riesling, Roter und Weisser Elbling sowie wahrscheinlich der Blaue Elbling nach Ansicht der beiden Rebforscher als "originär fränkisch-allemanische Sorten" betrachtet werden können.

Primitivo an der Bergstrasse

 

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